Jo_S
15.07.2008, 21:37
Hallo zusammen,
bei der Suche nach einem anspruchsvollen (und gleichzeitig preisgünstigen) Projekt bin ich auf das Mahagony-Hydroplane "Flyer" gestossen, das 1936 von Bruce Crandall konstruiert wurde.
Ich erinnerte mich dunkel, diese äusserst ungewöhnliche kleine Rennzigarre mit ihrem spitzen Heck, den sphärischen Rumpfwölbungen und dem ungewöhnlichen Unterwaserschiff schon mal irgendwo gesehen zu haben. Tatsächlich gibt es drei (Stand-)Modellnachbauten:
1.) ein Standmodell (motorisierbar) von Kiade - teuer und nur sehr grob ans Vorbild angelehnt
(Anm.: Fotos wegen Copyright-Anmahnung zusätzlich mit Links zu den Originalfotos versehen):
http://www.kiade.com/ship-models-GB/ship-models-sailing-ship-models-american_runabouts-006flyer-20.html
http://www.jochen-schwarzer.net/pics/rc/flyer1936/kiade.jpg
2.) ein kleines Standmodell - teurer und in vielen Details ebenfalls ziemlich "Freestyle":
http://www.quirao.com/fr/p/maquette/modele_reduit_bateau/3972/bois_canot_automobile_runabout_flyer_50_cm_runa_10 .htm
http://www.jochen-schwarzer.net/pics/rc/flyer1936/rj.jpg
3.) das immer noch beste Fertigmodell (zum vergleichsweise sehr günstigen Kurs) gibt's vom mittlerweile sattsam bekannten Vietnam-Hersteller Gianhien. Auch nicht 100%, aber besser als die anderen beiden, aber kaum nachträglich auf RC umzubauen:
http://www.gianhien.net/retail/all/flyer.htm
http://www.jochen-schwarzer.net/pics/rc/flyer1936/gianhien.jpg
Moderation von Muehi:
Bilder wegen Urheberrechtsgründen in Textlinks umgewandelt, bitte unsere Forenreglen, Abschnitt 8: Urheberrecht (http://www.schiffsmodell.net/Forenregeln.htm) beachten.
Vor allem das Unterwasserschiff stimmt bei keinem. Das war's also alles nicht. Erstens will ich eine exakte Kopie, zweitens will ich selber bauen, drittens wollen endlich mal die Holzbestände in meiner Werkstatt reduziert werden. ;)
Aber leider gibt's weder einen Baukasten noch einen vernünftigen Plan. Im Web habe ich dann einen australischen Händler gefunden, der rekonstruierte CAD-Pläne vom Original anbietet... aber auch diese stimmen nicht ganz und sind mit 250 Au$ für eine CD alles andere als ein Schnäppchen.
In einer uralten amerikanischen Zeitschrift habe ich dann einen äusserst interessanten Artikel von Willard Crandall gefunden: ein (Original-)Baubericht des "Flyer", mit Nachbauanleitung, Zeichnungen und Spantenrissen. Also erst einmal gescannt, digital entzerrt, hochgerechnet, geschärft... und dann hocherfreut festgestellt, dass die Zeichnungen sehr genau mit den Offsettabellen übereinstimmen.
Das geniale daran: trotz des nicht gerade trivialen Bootsrumpfes (lauter sphärisch gewölbte Flächen) ist die genaue Position jedes einzelnen Punkts auf der Außenhaut über die Offset-Tabellen auf 1/8 inch genau (ca. 3mm im Original) zu rekonstruieren. Für einen 1:6-Nachbau bedeutet das also: 0,5mm Plangenauigkeit... mehr ist selbst bei perfektester Bauweise nicht machbar!
Das war also der Startschuss zu diesem Projekt: ein kompletter Eigenbau (Echtholzrumpf mit doppelter Beplankung) mit selbst erstellten Plänen. Also CAD anschmeissen und tagelang Koordinaten umrechnen und eintragen. Modell-Abmessungen: 770mm Länge, 254mm Breite, max. Tiefgang 33,9mm. Im ersten Schritt entstand erst mal eine exakte 3-Seiten-Ansicht und die Spantenrisse:
http://www.jochen-schwarzer.net/pics/rc/flyer1936/flyer0_1uebersicht.gif
Zur Verdeutlichung nochmal die "nackte" Seitenansicht und das Unterwasserschiff:
http://www.jochen-schwarzer.net/pics/rc/flyer1936/flyer0_2seitenriss.gif
... und der Spantenriss (Außenkontur), oben von hinten (Spanten 7-15), unten von vorn (Spanten 0-6):
http://www.jochen-schwarzer.net/pics/rc/flyer1936/flyer0_3spantenriss.gif
Jetzt stehen für die weitere Planentwicklung ein paar grundsätzliche Entscheidungen an:
Die Außenhaut wird auf jeden Fall doppelt beplankt. Der Spantenabstand beträgt 50,8mm. Die Außenhaut wird aus 0,8mm oder 1,0mm Mahagony bestehen (komplett). Als erste Beplankung erscheint mir eine diagonale Sperrholzschicht an einigen Stellen problematisch (starke Verwindung der Kontur). Angedacht ist: 2 oder 3mm Abachi- bzw. 3mm Balsa-Leisten. Welchen Aufbau würdet ihr vorschlagen?
Motorisierung soll ein 700er-Blechmotor (Speed 700 Neodym oder ähnlich, kein BL!) an 8 Zellen und einem ca. 39er K-Prop sein. Gewicht ist bei dem Boot kein Problem, die Wasserlinie wird erst bei 3,25kg Verdrängung erreicht. Sollten die 8 Zellen nicht reichen, kann man evtl. noch auf 10 oder max.(!) 12 Zellen hoch gehen. Das Original war hoch motorisiert, dementsprechend möchte ich gerne schnell - aber nicht sauschnell!!! - unterwegs sein. Andere Vorschläge zu Motor / Prop (voll getaucht) / Zellen? Gibt es passende Messingprops? Welcher nicht zu teure Regler kommt in Betracht?
Die Motorwelle des Originals ging unter einem Winkel von 10° schnurgerade aus dem Rumpf raus. Ziemlich viel, aber für die damalige Zeit bei vielen Runabouts durchaus üblich. Interessanterweise entspricht die Wellenneigung ziemlich genau dem "Aufschiebwinkel" des Bugs und der beiden "Seitentatzen". Andererseits geht dabei ne Menge Vortrieb verloren. Soll ich das ebenalls 1:1 übernehmen oder würdet ihr per Flexwelle den Winkel "entschärfen"?
Gibts eigentlich gute kugelgelagerte Wellen mit weniger als 10mm Durchmesser? Kenne nur die Robbe- und Graupnerwellen... Gleitlager möchte ich nicht, die kugelgelagerten sind aber irre "dick". Ach ja, wichtige Anmerkung: die Welle wird mit rund 350mm recht lang sein!
Die Runabouts mit ihren flachen Rumpfböden laufen ja bekanntlich wie Rasensprenger. Zusätzlich hat die Flyer das Problem, im hinteren Bereich vergleichsweise sehr wenig Auftrieb zu erzeugen. Vorbildwidrige "Sprayrails" will ich nun aber nicht an die Rumpfseiten bauen. Was tun? Ich dachte an eine leicht geänderte Unterseite mit scharfen, rechtwinkligen Abrisskanten statt der ca. 45°-Winkel zwischen Rumpfboden und Seitenwänden. Die könnten sogar aus Alu sein, da das Unterwasserschiff eh farbig wird. Und auf den (fast flachen) Rumpfboden evtl. noch 4-5 zusätzlich aufgeleimte, parallel liegende Dreiecksleisten, die das Wasser unterm Boot halten. Auf dem Wasser sieht man das alles eh nicht - und besser ein gut laufendes Boot mit geringen Abweichungen im unsichtbaren Bereich als ein 100%-Scale-Standmodell für die Vitrine (ich hab eh keine). :mrgreen:
Danke für eure Anregungen. Das Ganze ist sicher kein kurzfristiges Projekt, aber ich habe mir vorgenommen, bis zur Erstfahrt alle paar Wochen fleissig weiter zu berichten. ;)
Grüsse, Jochen
bei der Suche nach einem anspruchsvollen (und gleichzeitig preisgünstigen) Projekt bin ich auf das Mahagony-Hydroplane "Flyer" gestossen, das 1936 von Bruce Crandall konstruiert wurde.
Ich erinnerte mich dunkel, diese äusserst ungewöhnliche kleine Rennzigarre mit ihrem spitzen Heck, den sphärischen Rumpfwölbungen und dem ungewöhnlichen Unterwaserschiff schon mal irgendwo gesehen zu haben. Tatsächlich gibt es drei (Stand-)Modellnachbauten:
1.) ein Standmodell (motorisierbar) von Kiade - teuer und nur sehr grob ans Vorbild angelehnt
(Anm.: Fotos wegen Copyright-Anmahnung zusätzlich mit Links zu den Originalfotos versehen):
http://www.kiade.com/ship-models-GB/ship-models-sailing-ship-models-american_runabouts-006flyer-20.html
http://www.jochen-schwarzer.net/pics/rc/flyer1936/kiade.jpg
2.) ein kleines Standmodell - teurer und in vielen Details ebenfalls ziemlich "Freestyle":
http://www.quirao.com/fr/p/maquette/modele_reduit_bateau/3972/bois_canot_automobile_runabout_flyer_50_cm_runa_10 .htm
http://www.jochen-schwarzer.net/pics/rc/flyer1936/rj.jpg
3.) das immer noch beste Fertigmodell (zum vergleichsweise sehr günstigen Kurs) gibt's vom mittlerweile sattsam bekannten Vietnam-Hersteller Gianhien. Auch nicht 100%, aber besser als die anderen beiden, aber kaum nachträglich auf RC umzubauen:
http://www.gianhien.net/retail/all/flyer.htm
http://www.jochen-schwarzer.net/pics/rc/flyer1936/gianhien.jpg
Moderation von Muehi:
Bilder wegen Urheberrechtsgründen in Textlinks umgewandelt, bitte unsere Forenreglen, Abschnitt 8: Urheberrecht (http://www.schiffsmodell.net/Forenregeln.htm) beachten.
Vor allem das Unterwasserschiff stimmt bei keinem. Das war's also alles nicht. Erstens will ich eine exakte Kopie, zweitens will ich selber bauen, drittens wollen endlich mal die Holzbestände in meiner Werkstatt reduziert werden. ;)
Aber leider gibt's weder einen Baukasten noch einen vernünftigen Plan. Im Web habe ich dann einen australischen Händler gefunden, der rekonstruierte CAD-Pläne vom Original anbietet... aber auch diese stimmen nicht ganz und sind mit 250 Au$ für eine CD alles andere als ein Schnäppchen.
In einer uralten amerikanischen Zeitschrift habe ich dann einen äusserst interessanten Artikel von Willard Crandall gefunden: ein (Original-)Baubericht des "Flyer", mit Nachbauanleitung, Zeichnungen und Spantenrissen. Also erst einmal gescannt, digital entzerrt, hochgerechnet, geschärft... und dann hocherfreut festgestellt, dass die Zeichnungen sehr genau mit den Offsettabellen übereinstimmen.
Das geniale daran: trotz des nicht gerade trivialen Bootsrumpfes (lauter sphärisch gewölbte Flächen) ist die genaue Position jedes einzelnen Punkts auf der Außenhaut über die Offset-Tabellen auf 1/8 inch genau (ca. 3mm im Original) zu rekonstruieren. Für einen 1:6-Nachbau bedeutet das also: 0,5mm Plangenauigkeit... mehr ist selbst bei perfektester Bauweise nicht machbar!
Das war also der Startschuss zu diesem Projekt: ein kompletter Eigenbau (Echtholzrumpf mit doppelter Beplankung) mit selbst erstellten Plänen. Also CAD anschmeissen und tagelang Koordinaten umrechnen und eintragen. Modell-Abmessungen: 770mm Länge, 254mm Breite, max. Tiefgang 33,9mm. Im ersten Schritt entstand erst mal eine exakte 3-Seiten-Ansicht und die Spantenrisse:
http://www.jochen-schwarzer.net/pics/rc/flyer1936/flyer0_1uebersicht.gif
Zur Verdeutlichung nochmal die "nackte" Seitenansicht und das Unterwasserschiff:
http://www.jochen-schwarzer.net/pics/rc/flyer1936/flyer0_2seitenriss.gif
... und der Spantenriss (Außenkontur), oben von hinten (Spanten 7-15), unten von vorn (Spanten 0-6):
http://www.jochen-schwarzer.net/pics/rc/flyer1936/flyer0_3spantenriss.gif
Jetzt stehen für die weitere Planentwicklung ein paar grundsätzliche Entscheidungen an:
Die Außenhaut wird auf jeden Fall doppelt beplankt. Der Spantenabstand beträgt 50,8mm. Die Außenhaut wird aus 0,8mm oder 1,0mm Mahagony bestehen (komplett). Als erste Beplankung erscheint mir eine diagonale Sperrholzschicht an einigen Stellen problematisch (starke Verwindung der Kontur). Angedacht ist: 2 oder 3mm Abachi- bzw. 3mm Balsa-Leisten. Welchen Aufbau würdet ihr vorschlagen?
Motorisierung soll ein 700er-Blechmotor (Speed 700 Neodym oder ähnlich, kein BL!) an 8 Zellen und einem ca. 39er K-Prop sein. Gewicht ist bei dem Boot kein Problem, die Wasserlinie wird erst bei 3,25kg Verdrängung erreicht. Sollten die 8 Zellen nicht reichen, kann man evtl. noch auf 10 oder max.(!) 12 Zellen hoch gehen. Das Original war hoch motorisiert, dementsprechend möchte ich gerne schnell - aber nicht sauschnell!!! - unterwegs sein. Andere Vorschläge zu Motor / Prop (voll getaucht) / Zellen? Gibt es passende Messingprops? Welcher nicht zu teure Regler kommt in Betracht?
Die Motorwelle des Originals ging unter einem Winkel von 10° schnurgerade aus dem Rumpf raus. Ziemlich viel, aber für die damalige Zeit bei vielen Runabouts durchaus üblich. Interessanterweise entspricht die Wellenneigung ziemlich genau dem "Aufschiebwinkel" des Bugs und der beiden "Seitentatzen". Andererseits geht dabei ne Menge Vortrieb verloren. Soll ich das ebenalls 1:1 übernehmen oder würdet ihr per Flexwelle den Winkel "entschärfen"?
Gibts eigentlich gute kugelgelagerte Wellen mit weniger als 10mm Durchmesser? Kenne nur die Robbe- und Graupnerwellen... Gleitlager möchte ich nicht, die kugelgelagerten sind aber irre "dick". Ach ja, wichtige Anmerkung: die Welle wird mit rund 350mm recht lang sein!
Die Runabouts mit ihren flachen Rumpfböden laufen ja bekanntlich wie Rasensprenger. Zusätzlich hat die Flyer das Problem, im hinteren Bereich vergleichsweise sehr wenig Auftrieb zu erzeugen. Vorbildwidrige "Sprayrails" will ich nun aber nicht an die Rumpfseiten bauen. Was tun? Ich dachte an eine leicht geänderte Unterseite mit scharfen, rechtwinkligen Abrisskanten statt der ca. 45°-Winkel zwischen Rumpfboden und Seitenwänden. Die könnten sogar aus Alu sein, da das Unterwasserschiff eh farbig wird. Und auf den (fast flachen) Rumpfboden evtl. noch 4-5 zusätzlich aufgeleimte, parallel liegende Dreiecksleisten, die das Wasser unterm Boot halten. Auf dem Wasser sieht man das alles eh nicht - und besser ein gut laufendes Boot mit geringen Abweichungen im unsichtbaren Bereich als ein 100%-Scale-Standmodell für die Vitrine (ich hab eh keine). :mrgreen:
Danke für eure Anregungen. Das Ganze ist sicher kein kurzfristiges Projekt, aber ich habe mir vorgenommen, bis zur Erstfahrt alle paar Wochen fleissig weiter zu berichten. ;)
Grüsse, Jochen